Ein Freund erzählte mir heute, er habe sich von seiner Freundin seit einigen Tagen getrennt und fragte mich nach einem Rat. Anscheinend haben die Leute um mich herum mitbekommen, wie mies ich mich nach unserer Trennung fühlte. Anscheinend habe ich es nicht so gut versteckt.

Die Trauer, die schmerzhaften Gefühle. Diesen Zustand, den ich keinem Menschen wünschen würde. Wenn ich zurückblicke, wird es mir klar, dass es mir eigentlich völlig egal war. Die Menschen um mich herum nahm ich sowieso kaum wahr. Ich lief die Straßen entlang, als ob sie leer wären. Ich war verloren, umarmt von einem Gefühl, als ob die Zeit stehen geblieben wäre.

Ich wusste nur eins, ich wollte meine Trauer nicht gehen lassen. Ich wollte die Kraft ihrer Umarmung spüren. Wenn er mir seine Umarmung stahl, wenn er mir sie so rücksichtslos wegnahm, hatte ich immerhin noch die Umarmung meiner Trauer, die mich an ihn erinnerte. Die mir zeigte, dass er noch da war. 

Ich überlegte kurz und versuchte meinem Freund eine hoffnungsvolle Antwort zu geben. Aber ich konnte ihn nicht anlügen. Ich konnte ihm nicht sagen, morgen würde alles besser sein. Denn ich weiß genau, dass es so nicht wird.

Ich sagte ihm, er soll nicht alleine sein, er muss unter seinen Freunden bleiben. Mir haben sie damals geholfen. Mich haben sie damals gerettet. Selbstverständlich kann man nicht erwarten, 24 Stunden beobachtet zu werden. So was wünscht man sich auch nicht. Aber diese Momente ihrer Präsenz und Ablenkung taten mir gut, auch wenn ich dann wieder in der tiefen Nacht alleine meinen Gedanken überlassen wurde.

Ich sagte ihm auch, mit der Zeit wird es ihm besser gehen, aber wenn es richtige Liebe ist, wird es noch lange schmerzen. Es tat mir Leid, ihm so was sagen zu müssen, aber einen anzulügen hilft nicht.

Ich sagte ihm auch, mit der Zeit lernt man damit umzugehen, aber das Gefühl der Einsamkeit und des Verlustes sowie der Schmerz werden immer wieder zurückkommen.

Ich blickte wieder zurück. Zehn Monate sind mittlerweile vergangen. Zehn Monate ist es her, als seine Entscheidung fiel. Zehn Monate gewöhne ich mich daran, ohne ihn zu leben. Zehn Monate lang kämpfe ich schon. Und von Tag zu Tag wünsche ich mir, alles vergessen zu haben. Von Tag zu Tag träume ich davon, wahrhaft glücklich zu sein, mich nicht verstellen zu müssen. Von Tag zu Tag hoffe ich, mein Leben bekommt den gleichen Schein wie früher.

Lieber Freund, eins kann ich dir sagen: Ich werde unsere Trennung nie völlig überwinden können. Es wird immer ein Puzzleteil fehlen, der meine Welt perfekt macht. Deshalb solltest du nicht denken, mir ginge es nach diesen langen zehn Monaten wunderbar. Deshalb solltest du mich nicht nach einem Rat fragen.

Erzähl mir vom Leben, mein lieber Freund, erzähle mir vom Glück und Freude – da höre ich dir gerne zu. Denn ich bin noch immer so naiv, mir meine eigene Welt auszumalen, mich selbst zu täuschen. Wenn es wahre Liebe ist, mein Freund, erwartet dich das auch. Du wirst dir alleine deine Welt ausmalen müssen. Du wirst lernen müssen, dich zu täuschen. Du wirst dir Zeit geben müssen und lernen, deiner Trauer zu vertrauen.

Ich mache das genauso, schon zehn Monate lang. Und eins muss ich dir verraten: ich bin sehr stolz daran, der Künstler meiner eigenen Welt zu sein. Ich lebe und genieße die Sonnenstrahlen. Ich freue mich auf die kleinen Dinge, wie früher. Ich laufe wieder mit einem Lächeln auf dem Gesicht, ich nehme wieder die Straßen und die Menschen um mich herum wahr. Ich freue mich jeden Tag neue Erfahrungen sammeln zu können. Es macht mich glücklich, wieder fliegen zu können, auch wenn mich manche Flüge enttäuschen. Ich lebe wieder, aber nur, um zu überleben.

Denn, wenn man tief in meine Augen schaut, erkennt man den alten Strahl nicht mehr. Vortäuschen kann man ihn, aber erfüllen wie früher, tut er mich nicht. Deshalb solltest du nicht denken, mir ginge es nach diesen langen zehn Monaten wunderbar. Deshalb solltest du mich nicht nach einem Rat fragen. Ich habe nur gelernt, ohne den schönsten Puzzleteil zu leben.


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